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Wie lerne ich hebräisch zu Denken?

Die Bibel ist in einer anderen Kultur und Denkweise entstanden, als wir sie heute kennen. Doch wie sehr beeinflusst unsere eigene Prägung die Art und Weise, wie wir Gottes Wort lesen und verstehen? Und was können wir entdecken, wenn wir uns auf diese andere Perspektive einlassen?

Wir in der westlichen Welt, sind stark vom griechischen Denken geprägt. Dieses ist vor allem analytisch, abstrakt, verstandesorientiert und häufig dualistisch. Es legt den Schwerpunkt auf das intellektuelle Verstehen und trennt oft zwischen Körper, Seele und Geist. Der griechisch geprägte Mensch fragt in erster Linie: «Was ist richtig und was ist falsch?» -weniger: «Wie soll ich leben?»

Das hebräische Denken hingegen betrachtet den Menschen als Einheit von Körper, Seele und Geist. Im Mittelpunkt stehen nicht theoretisches Wissen oder abstrakte Erkenntnis, sondern das Erleben, die Beziehung und das praktische Leben. Glaube zeigt sich nicht in erster Linie durch ein System von Lehrsätzen, sondern durch Vertrauen und Gehorsam. Deshalb fragt der hebräisch Denkende weniger: «Was ist Wahrheit?», sondern vielmehr: «Lebe ich in der Wahrheit?»

Die Bibel aus hebräischer Denkweise verstehen

Wenn wir die Bibel besser verstehen möchten, ist es wichtig, sie aus der Denkweise ihrer Verfasser zu lesen. Die biblischen Autoren waren in der hebräischen Kultur und Lebensweise verwurzelt. Ihre Worte wurden nichtnur geschrieben, um verstanden, sondern vor allem, um gelebt zu werden.

Als Jeshua nach dem höchsten Gebot gefragt wurde, antwortete er:

«Höre, Israel! Der Herr, unser Gott, ist der Herr allein; und du sollst
den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, und mit deiner
ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen
Kraft!» (Mk.12,29)

Sch’ma Jsra’el, Adonai Eloheinu, Adonai Echad

Adonai allein besitzt die höchste Autorität und ist der eine wahre Gott. Diese Wahrheit bildet das Fundament, auf dem alles andere aufbaut. Das Wort Sch’ma bedeutet jedoch weit mehr als nur «hören». Es bedeutet hören, gehorchen und danach handeln. Es könnte auch mit «höre und tue!» wiedergegeben werden. Hier zeigt sich ein grundlegender Unterschied zwischen den beiden Denkweisen. Wir, die wir vom westlichen Denken geprägt sind, möchten zuerst verstehen. Wenn Gott zu uns spricht, beginnt unser Verstand zu analysieren. Wir prüfen, hinterfragen und betrachten alles von verschiedenen Seiten. Erst wenn wir überzeugt sind, setzen wir das Gehörte vielleicht um.

Im hebräischen Denken geschieht es oft genau umgekehrt. Man hört, was Adonai sagt und beginnt, es im Vertrauen umzusetzen. Durch den Gehorsam wächst das Verständnis. Der Schwerpunkt liegt deshalb auf dem Tun und nicht zuerst auf dem Verstehen.

Hören, tun und verstehen

Denken wir doch an die Bergpredigt. Wie oft haben wir ihre Worte bereits gehört, darüber diskutiert und versucht herauszufinden, was Jeshua damit genau meinte. Doch erst wenn wir seine Worte in unserem Alltag leben, beginnen wir ihren wahren Sinn zu erfassen. Solange sie nur Theorie bleiben, haben wir sie zwar verstanden, aber noch nicht wirklich begriffen.

Genau dazu fordert uns auch Jakobus auf:
«Seid aber Täter des Wortes und nicht allein Hörer.» (Jak. 1,22-25)

Im Mittelpunkt des hebräischen Denkens steht die Beziehung zu Adonai. Er ist der lebendige Gott, der Gemeinschaft mit uns haben möchte und uns deshalb geschaffen hat. Es geht nicht mehr in erster Linie darum, ob unser Verstand etwas für richtig hält oder ob wir es nachvollziehen können. Es geht um Vertrauen und Gehorsam. Unser Denken soll sich verändern, nicht damit wir Juden werden, sondern damit wir lernen, Gott gehorsam zu folgen.

Das Sch’ma ruft uns dazu auf:
Höre- tue- und dadurch wirst du verstehen

Zusammengefasst könnte man sagen:
Hebräisches Denken: Hören- tun- verstehen
Griechisch geprägtes Denken: Denken- verstehen- handeln

Die Bibel lädt uns ein, Gottes Wort nicht nur mit unserem Verstand aufzunehmen, sondern es im Alltag zu leben. Denn gelebter Glaube führt zu einer tieferen Beziehung mit Adonai.

Simone Neuhauser, Referentin des Seminar «Hebräischen Denken» der Stiftung Labora

Mehr Informationen zu unseren Seminaren am 20. November in Bern und am 24. November in Zürich findest du hier.