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Der Körper lügt nicht - wir hören nur nicht hin

Wir haben uns LabOra-intern an zwei Vormittagen intensiv mit Kommunikation und Auftrittskompetenz beschäftigt. Dabei ging es um viel mehr als Technik. Wie trainieren wir unsere Fähigkeit, hinzuhören? Sensibel zu sein für Signale und das Reden des Heiligen Geistes? Einige praktische Beispiele zeigen, worauf es ankommt. 

Es ist ein Dienstagmorgen in einem mittelgrossen Unternehmen. Präsentation. Zahlen. Zuversicht.

Der Chef steht frontal und hält die Hände leicht gespreizt auf dem Tisch - eine klassische Dominanzgeste. Aber die Schultern sind minimal hochgezogen. Der Atem flach. Und hier platzt der Widerspruch mit voller Wucht in den Raum. Wer genau hinsieht, erkennt: Hier spricht nicht nur Selbstsicherheit. Hier spricht Anspannung.

Der Körper spricht eine eigene Sprache

Körpersprache ist kein dekoratives Beiwerk. Sie ist das Protokoll des Nervensystems. Im besten Fall stimmt sie mit der gesprochenen Sprache überein. Aber im Alltag ist der beste Fall manchmal der seltenste.

Drei Plätze weiter sitzt eine Projektleiterin. Sie sagt nichts. Doch ihr Stift klickt immer wieder. Klick. Klick. Klick. Ihre Lippen pressen sich schmal zusammen, wenn von „realistischen Deadlines“ die Rede ist.

Ein anderer lehnt sich zurück. Arme verschränkt. Blick seitlich. Nicht aggressiv. Aber man erkennt: Er ist innerlich ausgestiegen.

Der Widerspruch ist so laut, dass er unüberhörbar wird: Offiziell herrscht Einigkeit; inoffiziell sendet der Raum Zweifel.

Die Bedeutung unserer nonverbalen Wirkung 

Studien zeigen: Ein Grossteil unserer Wirkung entsteht nonverbal. Haltung, Mimik, Blickverhalten, Atemrhythmus. Worte sind nur die Spitze des Eisbergs. Und doch hören wir fast ausschliesslich auf das Gesagte. Später, im Einzelgespräch, wird die Diskrepanz noch offensichtlicher.

„Ganz ehrlich, ich sehe da kein Problem“, sagt der Abteilungsleiter erneut. Seine Hand fährt sich über den Nacken. Ein klassisches Stresssignal. Selbstberührung reguliert Spannung. Der Körper versucht, das System zu beruhigen.

Keine voreiligen Schlüsse

Wer die Körpersprache anderer lesen will, muss mit der eigenen beginnen. Doch Vorsicht: Es gibt nicht nur Schwarz und Weiss, und auch ein Crashkurs in Kommunikation macht dich noch nicht zum Experten. Vor Schnellurteilen sollte man sich in Acht nehmen.

Verschränkte Arme bedeuten nicht automatisch Abwehr. Vielleicht ist es einfach kalt.

Ein fehlender Blickkontakt heisst nicht Lüge. Vielleicht ist es Unsicherheit.

Entscheidend ist das Muster. Verändert sich etwas? Passt Gestik zum Gesagten? Entsteht Inkongruenz?

Spannend wird es dort, wo die Worte und der Körper nicht im Einklang sind. Manchmal ist Körpersprache kein Widerspruch, sondern ein Frühwarnsystem.

Wer lernt, sie zu beobachten – bei sich selbst und bei anderen –, hört mehr. Und versteht schneller, was wirklich im Raum steht.

 

Ruedi Josuran ist Moderator, Coach und LabOra-Ambassador. Er führt zahlreiche Workshops durch zum Thema Rhetorik und Kommunikation.