Es geschah am Perron in Effretikon. Eine auffällig leicht bekleidete Frau wäre fast falsch in den Zug eingestiegen. Es hat sich gelohnt, auf sie zuzugehen und das «Eis» zu brechen – wie Claude Schnierl, CPO von LabOra, erzählt.
Vor etwa drei Wochen stand ich am Bahnhof Effretikon und wartete auf meinen Anschlusszug Richtung Pfäffikon. Es war einer dieser gewöhnlichen Momente – ein kurzer Zwischenhalt, ein Blick auf die Anzeige, ein wenig Geduld auf dem Perron.
Plötzlich fiel mir eine Frau auf, die die Treppe hochkam. Ihr Outfit war kaum zu übersehen: auffallend, leicht bekleidet und stark geschminkt. Sie bewegte sich direkt auf einen Zug zu, der bereits am Gleis stand – doch auf der Anzeige war klar zu lesen: «Nicht einsteigen».
Ich zögerte kurz, ging dann aber auf sie zu und erklärte ihr, dass dieser Zug nicht fahren würde und der richtige Zug nach Pfäffikon vom gegenüberliegenden Perron abfahren werde. Sie nickte dankbar, und wenig später standen wir nebeneinander und warteten.
Was würde Jesus tun?
Währenddessen kreisten meine Gedanken. Sollte ich sie weiter ansprechen? Was würden wohl die anderen Leute denken? Ihr Auftreten zog Blicke auf sich, und ich merkte, wie auch ich innerlich am Abwägen war.
In diesem Moment kam mir eine Szene aus der Bibel in den Sinn – wie Jesus sich von einer Frau, die von vielen verachtet wurde, die Füsse salben ließ. Er wandte sich ihr zu, ohne Vorbehalte und ohne Distanz. Dieser Gedanke traf mich.
Also sprach ich sie an.
Wir kamen ins Gespräch, stiegen schliesslich gemeinsam in den Zug und fuhren Richtung Pfäffikon. Sie begann zu erzählen: Ihr auffälliges Outfit hatte einen Grund. Sie hatte Streit mit ihrem Freund gehabt und das Etablissement, in dem sie sich zuvor aufgehalten hatte, fluchtartig verlassen. Alles war etwas aus dem Ruder gelaufen.
Unabhängig vom Äusseren
Das Gespräch wurde persönlicher, und irgendwann kamen wir auch auf den Glauben zu sprechen.
Als wir in Pfäffikon ankamen, sagte sie etwas, das mich tief berührte. Sie meinte, sie mache sich Gedanken über das, was ich über meinen Glauben erzählt hatte – vor allem aber darüber, dass ich überhaupt mit ihr gesprochen hatte. Viele andere hätten das nicht getan.
Dieser Moment blieb bei mir hängen.
Für mich war das ein klares Learning: Ich möchte Menschen unabhängig von ihrem Äusseren begegnen – mit Respekt und Offenheit. Gerade in solchen Situationen will ich nicht zurückweichen, sondern ein Licht sein.
Claude Schnierl ist Chief Prayer Officer bei der LabOra-Stiftung.
