Leistungsdruck, Krisen, Reizüberflutung: Unser Gehirn ist im Businessalltag stärker gefordert denn je. Die Neurowissenschaftlerin Dr. Maria Brasser, Mitgründerin von Hirncoach, gibt uns Tipps, wie wir damit umgehen können. Ausserdem verrät sie uns, weshalb es vielen Menschen schwerfällt, über ihren Glauben zu sprechen.
Bei einem Event von goUnity Zürich rund ums Thema «Mentale Stärke im Führungsalltag» haben wir erlebt, dass es möglich ist, komplexe Wissenschaft einfach zu erklären. Dr. Maria Brasser, Neurowissenschaftlerin, Lehrerin und Mitgründerin von Hirncoach, hat uns bewusst gemacht: Wir können ein Leben lang dazu lernen. Schön, dass sie sich auch unseren Fragen gestellt hat.
Dr. Maria Brasser, unsere Arbeitswelt ist rational geprägt. Ist Glaube da eine private Ressource – oder kann er auch sichtbar und konstruktiv im Berufsleben wirken?
In der Schweiz nehme ich das Thema Glaube oft eher als Privatsache war. Ich glaube, das kommt aus dem Gedanken, niemandem «etwas überstülpen» zu wollen. Gleichzeitig wäre das Thema hochspannend, gerade auch im Berufsleben. Denn Fragen nach Sinn, Hoffnung, Umgang mit Fehlern, Werten oder Vertrauen betreffen letztlich jeden Menschen. Damit Glaube konstruktiv wirken kann, braucht es viel Offenheit, urteilsfreie Gespräche und den Mut, ehrliche und offene Fragen zuzulassen und nicht immer auf alles eine Antwort parat zu haben.
Was passiert neurologisch, wenn wir dauerhaft unter Leistungsdruck stehen – und wo liegt die Grenze, ab der es wirklich ungesund wird?
Unser Gehirn ist heute enorm gefordert. Es verarbeitet täglich mehr Reize als je zuvor – nicht nur aktiv, sondern insbesondere passiv. Social Media, Nachrichten, Benachrichtigungen und ständige Vergleichsmöglichkeiten beanspruchen unser Nervensystem dauerhaft, ohne dass wir es direkt wahrnehmen. Das Gehirn ist eigentlich nicht für diese digitale Dauerstimulation gemacht. Ungesund wird es dort, wo Menschen nicht mehr abschalten können: schlechter Schlaf, ständige innere Anspannung, automatisches «Zum-Handy-Greifen», das Gefühl von Kontrollverlust oder fehlender sozialer Eingebundenheit sind deutliche Warnzeichen. Chronischer Stress verändert zudem messbar Aufmerksamkeit und Emotionsregulationsfähigkeiten.
Viele Menschen kämpfen mit Zukunftsängsten. Welche Rolle spielt dabei das Gehirn und wie viel davon ist tatsächlich beeinflussbar?
Unser Gehirn versucht ständig, Unsicherheit vorhersehbar zu machen. Gerade in Zeiten von KI, Krisen und gesellschaftlichem Wandel aktiviert das bei vielen Menschen deshalb eher Angstnetzwerke. Spannend ist zum Beispiel eine grossangelegte Studie in Deutschland, die tatsächlich ergeben hat, dass viele Jugendliche Sorge haben, durch KI «zu verblöden», obwohl sie KI regelmässig nutzen. Die gute Nachricht: Zukunftsangst ist beeinflussbar. Das Gehirn bleibt lernfähig. Besonders wichtig sind Aufklärung über unsere mentale Gesundheit, Austausch und soziale Vernetzung. Menschen brauchen das Gefühl von Selbstwirksamkeit, also zu merken, dass sie Herausforderungen aktiv mitgestalten können. Zudem soll man auf verschiedenen Ebenen ansetzen: persönlich, familiär, beruflich, politisch und gesellschaftlich.
Welche Rolle spielen Gewohnheiten und neuronale Muster, wenn es darum geht, ob jemand eher in Hoffnung oder in Angst denkt?
Eine sehr grosse. Heute wissen wir aus der Neurowissenschaft, dass Hoffnung und Angst tatsächlich mit unterschiedlichen neuronalen Aktivitätsmustern verbunden sind. Menschen, die hoffnungsvoller denken, zeigen oft eine stärkere Regulation durch den präfrontalen Cortex, also jenen Hirnregionen, die für Einordnung, Perspektive und Emotionsregulation wichtig sind. Angst wiederum aktiviert stärker Bedrohungsnetzwerke wie die Amygdala. Das Spannende daran ist wiederum, dass diese Netzwerke trainierbar sind. Gedanken, Erfahrungen und Gewohnheiten hinterlassen tatsächlich physisch Spuren im Gehirn. Hoffnung ist deshalb nicht einfach «Charakter», sondern auch neurobiologisch mit prägbar. Seit ich das weiss, achte ich mehr auf meine Gedanken und Werte und gestalte diese aktiv mit, indem ich beispielsweise ein Dankbarkeitstagebuch führe.
Wie verändert sich unser Gehirn durch ständige Reizüberflutung, Social Media und Multitasking – und was bedeutet das konkret für unsere
Arbeitsfähigkeit?
Multitasking ist neurologisch gesehen weitgehend eine Illusion. Das Gehirn springt vielmehr extrem schnell zwischen Aufgaben hin und her. Dieses sogenannte «Task Switching» kostet mentale Energie und Aufmerksamkeit. Studien zeigen, dass Menschen bei anspruchsvollen Aufgaben dadurch fast 50% fehleranfälliger werden. Ständige Reizüberflutung erschwert ausserdem Konzentration, Tiefenarbeit und Gedächtnisbildung. Unser Gehirn braucht unbedingt abwechslungsweise Phasen von Fokus und dann wieder Erholung – und eben nicht dauernde Unterbrechung.
Viele sprechen von «innerer Ruhe» oder «Achtsamkeit». Was passiert dabei tatsächlich im Gehirn – und warum fällt es uns oft so schwer, diesen Zustand zu erreichen?
«Innere Ruhe» und «Achtsamkeit» verändern tatsächlich messbar unsere neuronalen Aktivitätsmuster. Vereinfacht gesagt trainieren wir das Gehirn weg von Dauerreaktion und ständiger Alarmbereitschaft, hin zu mehr bewusster Wahrnehmung und Regulation. Das Schwierige ist dabei, dass unsere heutige Welt das Gehirn oft in die entgegengesetzte Richtung trainiert, eher hin zu schnell, impulsiv, ständig stimuliert. Innere Ruhe muss deshalb geübt werden. Und sie wird langfristig besonders dann stabil, wenn Menschen diese Erfahrung als positiv und entlastend erleben.
Gibt es rationale Erklärungen für die sogenannte Menschenfurcht?
Ja, absolut. Jeder Mensch trägt seine bisherigen Erfahrungen als neuronale Netzwerke mit sich. Dazu kommen genetische Veranlagungen und individuelle Lernerfahrungen. Unser Gehirn versucht uns ständig zu schützen, eben auch vor negativen Emotionen, Ablehnung oder Unsicherheit. Menschen sind komplex und oft schwer vorhersehbar. Genau das kann Angst auslösen. Menschenfurcht ist deshalb nicht per se ein «Schwächeproblem», sondern vielleicht auch ein verstärkter Schutzmechanismus des Gehirns.
Welche neuronalen Muster zeigen sich, wenn Menschen Angst haben, zu ihrem Glauben zu stehen oder sich zu outen?
Wenn Glaube stark mit Scham, Angst oder Ablehnung verknüpft wird, entstehen entsprechend belastende emotionale Netzwerke. Das Gehirn speichert solche Erfahrungen sehr intensiv. Gleichzeitig gilt neurologisch, gerade wenn Menschen sich schrittweise herausfordernden Situationen aussetzen und dabei positive Erfahrungen machen, entstehen neue neuronale Verknüpfungen. Das stärkt auch neurologisch die Sicherheit, Selbstvertrauen und Offenheit für neue zukünftige Situationen. Zudem sind Herausforderungen eine Wohltat für das Gehirn, da sich genau dann neuen Netzwerke bilden.
Was kann eine Gebetsgruppe am Arbeitsplatz bewirken, welche positiven Auswirkungen kann das für unser Gehirn haben?
Oh ganz viele. Gebet bringt eine unglaublich wichtige neue Dimension hinein: Wir müssen nicht alles selbst im Griff haben. Wir dürfen Dinge abgeben und allein dieses Gefühl ist wie eine Massage fürs Gehirn. Zu wissen, dass man auf eine unendliche Ressource zurückgreifen kann und nicht nur vom eigenen Denken abhängig ist, entlastet enorm. Das Spannende ist: Das Gehirn reagiert tatsächlich darauf. Das sehen wir aus verschiedenen PET-Scans und EEG-Analysen. Beim Beten werden sehr unterschiedliche und ganzheitliche Netzwerke aktiviert unter anderem solche, die mit emotionaler Regulation, Aufmerksamkeit und Verbundenheit zu tun haben. Für viele Menschen ist Gebet deshalb ein unglaublich starkes Tool.
Welche drei Dinge über das menschliche Gehirn sollte jeder kennen, um im heutigen Arbeitsalltag mental gesünder zu bleiben?
Erstens: Unser Gehirn ist zwar nur etwa 1,3–1,4 Kilogramm schwer, verbraucht aber enorm viel Energie (ca. ein Viertel) und Sauerstoff (ca. ein Fünftel).
Zweitens: Das Gehirn braucht biologische Grundlagen, um gut funktionieren zu können, z.B. genügend Schlaf, Bewegung, Erholung und Wasser. Da liesse sich über jeden einzelnen Faktor nochmals ein Tagesworkshop gestalten. Aber etwa beim Wasser zeigte sich, dass schon leichte Dehydrierung nach ein paar Stunden ohne Wasser Konzentration und Gedächtnis messbar beeinträchtigen.
Drittens: Das Gehirn lebt von Herausforderung, Kreativität und sozialem Kontakt. Beziehungen und sinnvolle Erfahrungen sind neurologisch enorm wichtig und bildlich gesprochen ein so wohltuendes Schaumbad fürs Gehirn.
Wenn du Menschen in einem Satz einen Rat geben müsstest, wie sie ihr Gehirn im Alltag «besser nutzen» können – welcher wäre das?
Mehr Kreativität in den Alltag bringen, indem man zum Beispiel öfter in Bildern denkt und sich und seinem Gehirn noch mehr zutrauen. Und: Keine Angst vor Fehlern haben. Gerade beim Fehlerlernen passiert im Gehirn unglaublich viel Wachstum.
Dr. Maria Brasser ist Neurowissenschaftlerin, Lehrerin und Mitgründerin von Hirncoach, dem führenden Spezialisten für die Hirngesundheit. Das Hirncoach-Team
entwickelt Programme für Eltern, Schulen und Unternehmen – unter anderem zur Stärkung der mentalen Gesundheit und Leistungsfähigkeit sowie zu einem klugen, hirngerechten Umgang mit digitalen Medien und Künstlicher Intelligenz. Interessiert? Infos unter hirncoach.ch.
Priska Pawlowski ist Leiterin Administration der Lab-Ora Stiftung.