LabOra - Blog

Innehalten als Führungsstärke: Was Gebet, Dankbarkeit und Resilienz bewirken 

Geschrieben von Zsolt Kubecska | 268. Sep 2026

Führungsstärke zeigt sich nicht nur im Handeln, Entscheiden und Vorangehen. Manchmal beginnt sie genau dort, wo wir innehalten.

Was zunächst wie ein einfacher Moment der Ruhe wirkt, hat eine überraschend tiefe Wirkung auf unser Gehirn, unsere Resilienz und unseren Umgang mit Druck. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse geben dabei Praktiken wie Gebet, Dankbarkeit und Stille eine neue Perspektive.

Innehalten als Führungsstärke: Was die Hirnforschung über Gebet, Dankbarkeit und Resilienz wirklich sagt

Es ist 7:15 Uhr morgens. Der erste Espresso dampft noch, das Handy zeigt bereits 15 ungelesene Nachrichten. Ein Meeting in 45 Minuten, drei offene Entscheidungen, ein schwieriges Mitarbeitergespräch am Nachmittag. Und irgendwo, in einer Schublade der inneren Überzeugungen, liegt die Idee, dass Stärke bedeutet: immer weitermachen.

Doch was, wenn genau das Innehalten die eigentliche Führungsstärke wäre?

Das Gehirn unter Dauerdruck

Führungskräfte und Unternehmer leben häufig in einem Zustand chronischer Aktivierung: Der Körper schüttet dauerhaft Cortisol aus, das Nervensystem bleibt im Alarmmodus. Das ist kein Charakterfehler - es ist Biologie. Aber die Forschung zeigt klar: Wer dauerhaft im Stressmodus operiert, verliert sukzessive genau das, was Führung ausmacht: Urteilsvermögen, Empathie, kreatives Denken und die Fähigkeit zur strategischen Planung.

Diese Fähigkeiten sitzen im präfrontalen Kortex - dem «Cockpit» des Gehirns. Und dieser Bereich ist der erste, der bei chronischem Stress abgeschaltet wird.

Was die Neurowissenschaft über Stille und Gebet herausgefunden hat

Andrew Newberg, Neurotheologe an der Thomas Jefferson University in Philadelphia, hat über 20 Jahre lang untersucht, was im Gehirn geschieht, wenn Menschen beten oder meditieren. Sein Befund ist eindeutig: Regelmässige Praxis von Gebet und kontemplativer Stille stärkt nachweislich den präfrontalen Kortex - also genau jenen Teil, den Stress schwächt.

Menschen, die regelmässig beten oder meditieren, zeigen in Studien eine verbesserte Impulskontrolle, mehr emotionale Stabilität und eine höhere Fähigkeit zur Empathie. Das Gehirn verändert sich messbar - ein Phänomen, das die Forschung als Neuroplastizität bezeichnet: die Fähigkeit des Gehirns, sich durch Erfahrungen strukturell neu zu formen.

Kurz gesagt: Innehalten verändert das Gehirn. Und ein verändertes Gehirn schafft bessere Führungspersönlichkeiten.

Dankbarkeit: Das unterschätzte Führungsinstrument

Robert Emmons, Psychologieprofessor an der University of California Davis, gilt als weltweit führender Forscher zum Thema Dankbarkeit. Seine Langzeitstudien zeigen: Menschen, die regelmässig praktizieren, wofür sie dankbar sind, schlafen besser, haben ein stärkeres Immunsystem, erleben weniger Burn-out-Symptome - und sie führen wirkungsvoller.

Dankbarkeit ist kein sentimentales Gefühl. Sie ist eine kognitive Praxis, die den Blick vom Mangel auf das Vorhandene verschiebt - und damit das Stresssystem nachweislich beruhigt.

Was Emmons «gratitude practice» nennt, ist in vielen Gebetsformen seit Jahrhunderten verankert: das bewusste Benennen von Gutem, das Danken - auch in schwierigen Zeiten. LabOra lebt genau das. Und die Forschung gibt dieser Praxis recht.

Resilienz: Was Führungskräfte wirklich trägt

Das dritte grosse Forschungsfeld ist Resilienz - die Fähigkeit, unter Druck nicht zu zerbrechen, sondern zu wachsen. Was macht Menschen resilient?

Die Forscherin Emmy Werner untersuchte in einer bahnbrechenden Langzeitstudie Kinder auf Hawaii, die unter extremen Belastungen aufwuchsen. Ein entscheidender Schutzfaktor war immer wieder derselbe: das Vorhandensein von Sinn und Glauben - eine innere Überzeugung, dass das Leben einen Rahmen hat, der grösser ist als die eigene Situation.

Viktor Frankl beschrieb das in seinen Beobachtungen aus dem KZ: «Wer ein Warum hat, erträgt fast jedes Wie.» Neuere Resilienzforschung bestätigt: Spiritualität - verstanden als persönliche Beziehung zu etwas Grösserem - ist einer der stärksten Puffer gegen Burn-out, Depression und chronischen Stress.

Das FISG, das Institut, welches ich leiten darf, untersucht diese Zusammenhänge wissenschaftlich - in Kooperation mit psychiatrischen Kliniken, Universitäten und Spitälern. Die Datenlage ist eindeutig: Spiritualität ist kein Randthema der Gesundheitsforschung. Sie ist ein zentraler Faktor.

Eine Einladung, keine Formel

Ich möchte Sie nicht überzeugen. Ich möchte Sie einladen.

Was wäre, wenn Sie morgen früh - bevor das erste Meeting beginnt, bevor das Handy aufleuchtet - zwei Minuten innehalten? Nicht um Probleme zu lösen. Nicht um Pläne zu machen. Sondern um zu atmen, zu danken, zu bitten.

Die Forschung sagt: Ihr Gehirn wird es Ihnen danken. Und vielleicht noch jemand mehr.

 

Ich bin Zsolt Kubecska, CEO des FISG - Forschungsinstitut für Spiritualität und Gesundheit (rish.ch) - und Consultant und lebe in Bettingen bei Basel.
Ich begleite Führungskräfte und Unternehmen an der Schnittstelle von wissenschaftlicher Erkenntnis, praktischer Führung und persönlichem Glauben.